Analyse von E-Learning-Standards

Analyse von E-Learning-Standards

Ungefähr seit Beginn des Jahres 2000 wurde das Thema „Standards“ im E-Learning sowohl von Erziehungswissenschaftlern und Pädagogen als auch von eher technisch orientierten Akteuren stärker fokussiert. Erste Standardisierungen gab es zwar schon vorher, aber ein breiter Diskurs über den Sinn und den Nutzen von Standards setze erst mit der Entwicklung von Standards wie LOM, SCORM oder den verschiedenen Standards des IMS Global Learning Consortiums ein.

Welche Ziel werden mit dem Einsatz von Standards im E-Learning verfolgt? Vereinfacht gesprochen geht es bei Standards darum, durch deren Nutzung den Aufwand und die Kosten zur Entwicklung, Verbreitung und Wiederverwendung von Lerninhalten zu reduzieren. Einmal entwickelte und erstellte Lerninhalte oder Lernobjekte sollen durch eine standardisierte Beschreibung und normierte Schnittstellen problemlos von einem Lernmanagementsystem in ein anderes übertragen werden können. Andere Standards zur Beschreibung von Lernenden ermöglichen beispielsweise die individuellen Präferenzen der individuellen Lernenden zu berücksichtigen. So wäre es denkbar, dass ein Lerner lieber mit Texten anstelle von Videos oder Abbildungen arbeitet. Dieser individuelle Lernstil könnte dann in einer standardisierten Beschreibung hinterlegt werden. Meldet sich der Lernende dann für einen Kurs an, so werden ihm dann bevorzugt Texte angezeigt.

Standards werden mit den Zielen der Interoperabilität, Portabilität und Wiederverwendbarkeit entwickelt und genutzt (Friesen, 2004a). Interoperabilität bedeutet, dass Inhalte in verschiedenen Lernmanagementsystemen funktionieren und Systeme miteinander zusammenarbeiten können. Portabilität meint die Übertragbarkeit von Inhalten, Aktivitäten oder Daten von einem System in ein anderes. Die Wiederverwendbarkeit führt dazu, dass Inhalte einmal entwickelt und dann mehrfach in unterschiedlichen Systemen oder mit neuen Versionen von Systemen weiter genutzt werden können.

Problematische Standards

Standards sind nur dann hilfreich, wenn sich möglichst viele Akteure an die Standards halten und sie nutzen. Für die Produzenten sind Standards nützlich, da Inhalte nicht für ein spezifisches System entwickelt werden, sondern in unterschiedlichen Systemen eingesetzt werden können. Für die Anwender bzw. Bildungsanbieter ist es ebenfalls hilfreich Standards zu nutzen, denn sie müssen nicht Inhalte immer wieder neu erstellen oder erstellen lassen und können Inhalte und Daten von einem System auf ein anderes migrieren. Außerdem erlauben es Standards, Inhalte von unterschiedlichen Anbietern einzukaufen. So entsteht ein Wettbewerb, der im Idealfall zu einem größeren, günstigerem und qualitativ besseren Angebot führt.

All dies sind aber technische und administrative Vorteile von Standards. Aber im E-Learning geht es nicht allein um Technik, sondern es geht um Lehren und Lernen. Norm Friesen hat drei Einwände formuliert, wenn es um den Einsatz von Standards im E-Learning geht (Friesen, 2004b). Demnach sei es nicht klar, was mit dem Begriff des Lernobjekts als essentieller Bestandteil vieler Standards im E-Learning gemeint sei. Einige Autoren beschreiben Lernobjekte als alles, was im E-Learning genutzt und auf das verwiesen werden könne. Eine solch beliebige Definition lässt aber keine präzisen Gebrauch zu und ist deshalb nutzlos. Der Begriff des „Objekts“ stammt in diesem Zusammenhang ursprünglich aus dem Konzept der „Objektorientierten Programmierung“ der Informatik. Demnach hat ein Objekt bestimmte Eigenschaften und Methoden. Daten sind in dem Objekt gekapselt und können von außen über die Methoden, die zur Verfügung gestellt werden, manipuliert werden. Dieses Konzept sollte mit dem Ansatz des Lernobjekts auf E-Learningmaterialien übertragen werden. Friesen sieht hierin eines der zentralen Probleme von Standards im E-Learning. Lehrende befassen sich mit Fragen des Lernens, der Vermittlung und des Lehrens, aber nicht mit technischen Konzepten und können mit dem Konzept von Lernobjekten zumeist wenig anfangen. Darin sieht Friesen einen der Hauptgründe dafür, weshalb sich Lernobjekte und die Standards, mit denen Lernobjekte beschrieben werden sollen, bislang bei Lehrenden nicht durchgesetzt haben. Das Potential von Lernobjekten kann seiner Meinung nach nur dann voll umgesetzt werden, wenn die Vorteile den Lehrenden offensichtlich und klar erkennbar sind (Friesen, 2004b).

Zweitens werden Standards im E-Learning als pädagogisch neutral beschrieben; ihnen sei kein bestimmtes didaktisches Modell keine einzelne Methode eingeschrieben. Dem stellt Friesen einen stark eingeschränkten pädagogische Bewegungsspielraum gegenüber. Ein Standard wie SCORM sei dazu gedacht, einem einzelnen Lernenden Inhalte und Medien für das selbstgesteuerte und selbstbestimmte Lernen bereitzustellen. Ansätze des Lernens in Gruppen und des kommunikativen Lernens lassen sich mit SCORM nicht beschreiben. Etymologisch bedeute „neutral“, das etwas nicht unterstützt und nicht aktiv Partei ergriffen werde. Pädagogik und Lehren sei aber immer aktiv und passe nicht zur Neutralität von Standards. Daraus zieht Friesen den Schluss, dass pädagogisch neutrale Standards im Grund genommen pädagogisch irrelevant seien.

Der dritte Einwand, der nach Friesen bei der Diskussion um Standards im E-Learning berücksichtigt werden muss, ist der Umstand, dass viele Standards aus der US-amerikanischen Militärindustrie stammen (Friesen, 2004b). Damit würden unreflektiert Konzepte, Ansätze und Ideologien des Militärs in Bereiche übertragen, in denen sie nicht erwünscht seien. Das Weltbild des US-Militärs sei geprägt durch technische Innovation, Führung und einem Denken in Systemen. Das Menschenbild des US-Militärs sieht das einzelne Individuum als Teil eines großen Waffensystems, der Einzelne habe zu funktionieren, sei uniform und standardisiert. Training und Bildung sei auf Effizienz und Funktion getrimmt. Daher sei die Übernahme von Standards im E-Learning in den Bereich der öffentlichen Bildung zumindest kritisch zu überdenken.